Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

Am 16. März 1909 wurden die Gründungsstatuten des Vereins vom Großherzoglichen Bezirksamt Konstanz offiziell genehmigt. Darin kommt zum Ausdruck, daß der Turnverein eine gewisse Strafgewalt hatte. Besonderes Augenmerk hatte man aber auf die sogenannten Zöglinge, das waren die 15 bis 18jährigen, fortbildungsschulpflichtigen Knaben.

Ihre Namen wurden sogar jeweils in den Wirtschaften angeschlagen, denn sie durften dort nicht hinein, durften auch keine Feste mitfeiern, keinen Alkohol trinken und nicht rauchen. Wörtlich heißt es in dem Schreiben:

« Die Übungsstunden dürfen nicht in Wirtschaften, nicht über 10.00 Uhr abends ausgedehnt und nur durch volljährige, militärfreie und einwandfreie Personen abgehalten werden, welche für die Einhaltung dieser Vorschrift Gewähr leisten, nämlich dass den bezeichneten Knaben bei den Übungsstunden keinerlei geistige Getränke verabreicht werden und dieselben an den sonstigen Veranstaltungen des Vereins geselliger Art, wie Ausflüge, Aufführungen, Turnfahrten usw. in keiner Weise teilnehmen. »


Ja, Ordnung und Strenge mussten sein. Im Protokoll vom 7. Mai 1905 erfährt man: «Der Turnwart ermahnt alle Turner um fleißigen Turnbesuch, andernfalls soll Buße gemacht werden». Prompt heißt es im folgenden Protokoll: «Buße: Robert Löble 20 Pf wegen Versäumnisses der Versammlung».

Übrigens, der Vereinsbeitrag betrug damals 1,20 RM, für Passive 1,00 RM. Der Eintritt bei einer Christbaumfeier kostete nur 10 Pf, die Lose 50, und das Tanzbillet 80 Pf. Für das Vereinsabzeichen musste man 3,00 RM hinlegen und der Turnwart erhielt 20 RM für seine Tätigkeit in einem Jahr.

Im Jahre 1913 beteiligte sich der Verein an einem Vereinswetturnen am Gauturnfest in Überlingen mit 20 Mann und bekam eine Ehrenurkunde überreicht. Im gleichen Jahr fuhr man zum 50jährigen Stiftungsfest nach Randegg. Bendedikt Hangarter hatte jetzt den Verein übernommen, doch konnte er nur kurz seines Amtes walten, denn der 1. Weltkrieg setzte alsbald allem Vereinsgeschehen ein Ende.

Eine aufsehenerregende Begebenheit soll noch erzählt werden von Wilhelm Oberle, dem lustigen und zugleich verwegenen Gründer des Vereins.
War es eine Wette oder nur eine Laune? Eines Tages kletterte unser «Münchhausen», so könnte man Wilhelm Oberle jetzt nennen, wahrhaftig auf den Öhninger Kirchturm, und machte auf dessen Spitze einen Handstand! Unglaublich, aber wahr, von Augenzeugen bestätigt. Verwunderung mit Entsetzen vermischt allenthalben! Eine Frau kam vor Schreck zu früh nieder. Wilhelm Oberle aber musste eine gehörige Strafe zahlen.
Auch er ist im 1. Weltkrieg gefallen und mit ihm 17 andere Turnkameraden. Vier Jahre mussten vergehen, bis man im Jahre 1919 mit vereinten Kräften wieder beginnen konnte.

Anfangs turnte man noch im alten Stil, doch bald gab es ein größeres Angebot an Disziplinen und der Sport hielt seinen Einzug mit Spielen und Wettkämpfen.
Noch durften die Mädchen nicht mittun. In der Schule saßen sie weiter hinter ihrer Näharbeit, doch schauten sie oft sehnsüchtig den Buben beim Turnen am Barren oder Reck zu und übten dann auf eigene Faust mit fliegenden Röcken.
Wen nimmt es Wunder, wenn die kleine Rosel, Tochter von Wilhelm Oberle, bald besser als die Buben turnen konnte. Sie hatte das Talent des Vaters geerbt. Lehrer Haug holte sie manches Mal aus den Zaungästen heraus und ließ sie vorturnen.
Sie bekam dann auch als erstes Mädchen in Wangen eine Trainingshose, der Rock wurde natürlich noch züchtig darüber getragen. Bald taten es ihr die anderen Mädchen nach und nun konnte man lustig mithalten: Sitzwelle, Kreuzaufzug, Rädle mit einem Fuß, Brücke usw.

Damen hatte man zwar schon früher zu Festlichkeiten im Verein herangezogen, aber sie traten nur als Ehrenjungfrauen auf. 1919 ließen sich die beiden Haustöchter Johanna Alexander und Marie Bäuchert als erste weibliche Mitglieder eintragen, jedoch turnen durften sie nicht. 1920 wurde eine Damenriege geplant, wegen mangelnder Beteiligung wurde zunächst nichts daraus.

Der Verein widmete sich jetzt ganz besonders den Schulbuben und der Jugend. Es war die Zeit der politischen Jugendgruppen und Wandervögel. Auch im Verein wurde wieder tüchtig gewandert. Man hatte sogar einen eigenen kleinen Spielmannszug: einen Trommler und vier Querpfeifer. Lustig ging es wieder durch die Dörfer. Die rote Schärpe jedoch brachte die wackeren Turner manchmal scherzhaft in den Verruf einer Roten Bande.

Zur ersten Weihnachtsfeier nach dem Kriege hatte man wieder ins Gasthaus Adler eingeladen. Dieses wurde jetzt von einer Familie Greis geführt, den Großeltern des heutigen Besitzers Günter Hangarter. Neben Turnerischen Darbietungen kam das Theaterstück «Der Zunftmeister von Nürnberg» zur Aufführung. Echte Kostüme hatte man sich dafür kommen lassen. Es wurde ein großer Erfolg.

Man war wieder voller Tatendrang. Eine Schwimmabteilung wurde gegründet von Joseph Hangarter, den man inzwischen zum ersten Vorstand gewählt hatte. Der Schützenverein schloss sich dem Wangener TV an. Benedikt Hangarter stellte eine Bibliothek zusammen, wofür er vom Verein 200 RM erhielt. Die Turner sollten daheim lesen und nicht in die Wirtschaft gehen, meinte er. Er schreinerte auch ein kleines Schränkchen für die Bücher. Leider sind diese in späteren Kriegswirren verloren gegangen. Endlich konnte man auch eine Vereinsfahne in Auftrag geben.

Am 11. Mai 1924 war Fahnenweihe mit großem Schauturnen. Alle Wangener Vereine und auch Schweizer Vereine waren zugegen. Später gab es ein Festbankett im Hotel Frieden.
An turnerischen Veranstaltungen konnten manch kleine und große Siege errungen werden. Mathias Hangarter zeichnete sich beim Deutschen Turnfest 1929 in Köln aus und Dr. Nathan Wolf, langjähriger Arzt in Wangen, ging als erster Sieger in seiner Riege beim Gauschwimmfest 1932 in Radolfzell hervor. Gute Leistungen waren auch auf dem Gauturnfest in Pfullendorf 1921 zu verzeichnen.

Im Jahre 1927 arrangierte der Verein in Wangen ein großartiges Schwimmfest. Neben einem Langstreckenschwimmen von 1800 Meter hinüber nach Mammern, gab es auch Wettkämpfe in Brustschwimmen, Rückenschwimmen und Kraulen. Als Preise kamen Radierungen von Willi Münch Klee und Hugo Böschenstein zur Verteilung. Diese nicht alltäglichen, wertvollen Preise waren von den beiden Malern gestiftet worden.
Dass man in dieser Zeit recht lustig war, fiel beim studieren der Stammliste auf. Bisher hatte man immer die Berufe der einzelnen Mitglieder eingetragen. Da gab es nicht nur Landwirte, Maurer, Schreiner und Wagner im Verein, sondern auch einen Kapitän, einen Schuhbekleidungsaspiranten, einen Kommerzienrat und einen Luftschiffbremser, Ärzte, Kutscher und Grenzkontrolleure.

Anfangs der Zwanziger Jahre jedoch tauchte hinter jedem eingetragenem Mitglied anstelle des Berufes ein Spitzname auf. Der Originalität halber seien einige hier aufgezeichnet: Da gab es z. B. einen Mehrwärbesser und einen Auchnichtbesser, einen Balddabalddort und einen Oftlangefort, einen Stillvergnügt und einen Chaibenett, einen Viehmörder, und einen Malefizchüefer, einen Chunschtnorecht, und einen Oftauchdabei, einen Haarabschnieder, und einen Chuntammalwieder.

Die Machtübernahme eines unrühmlichen Diktators erschütterte auch den Turnverein in seinen Grundfesten. Er wurde dem Reichsbund für Leibesübungen angeschlossen, die Jugend dem BDM und dem Jungvolk einverleibt. Man veranstaltete Sonnwend- und Schlageterfeiern und die Turnstunden und Veranstaltungen schlossen nicht mehr mit einem Guten Heil, sondern mit einem Hitler Heil, das einer ganzen Nation schließlich zum Bösen Heil wurde.

Die Leistungen des Vereins aus dieser Zeit sind aber zu würdigen. Turn und Sportfeste waren an der Tagesordnung. An den großen Deutschen Turnfesten in Stuttgart und Breslau nahmen die Wangener teil. Josef Denz, damals der beste Läufer und Schwimmer im Verein, brachte aus Breslau einen Siegerkranz mit nach Hause. Ein sehr guter Leichtathletiker und Kunstturner war Matthias Hangarter. Leopold Hangarter, Elektriker und Anton Hangarter, Gärtner, waren ebenfalls gute Kunstturner.

In diese Zeit hinein fällt der Bau des Strandbades unter Bürgermeister Josef Denz. Östlich von Wangen, wo früher die Badehüttchen des Männer- und Frauenbades der Juden standen und ein breiter Schilfgürtel das Ufer säumte, entstand nun die für die damalige Zeit großzügige Anlage. Nicht zuletzt durch dieses schön gelegene Bad wurde Wangen zum Anziehungspunkt vieler Fremder.

Ein besonders gutes und ereignisreiches Turnerjahr war das Jahr 1934

Es begann mit einem großen Waldlauf in Horn, an dem mehrere Vereine der benachbarten Dörfer teilnahmen.
Das Kreisturnfest in Singen brachte 3 Siege für Wangen und eine Auszeichnung für die Vereinsriege. Ein sogenannter Saartreue Staffellauf, Heiligenberg-Wangen, fand auch in diesem Jahr statt. Im Protokoll heißt es, dass Josef Denz in schneidigem Endspurt die letzte Teilstrecke bis zum Kopfende des Landungssteges zurücklegte und dann mit einem Hechtsprung und einigen Schwimmstößen den eben heranfahrenden Wassersportlern des TV Konstanz die Stafette entgegenbrachte.

Im Juni gab es wieder ein großes Schwimmfest anlässlich der Reichsschwimmwochen: Umzug der Sportler durchs Dorf, Wettschwimmen mit Gästen aus den Nachbarvereinen, al1erlei Wasserspiele, Schifferstechen, Tauziehen, Kübelerennen, Fischschnappen usw.

Absoluter Höhepunkt im Vereinsleben war dann die 30-Jahrfeier im September. Viel Mühe hatte man sich mit einem gut ausgearbeitetem Programm gemacht, und viel sportlicher Ehrgeiz war unter den Teilnehmern. Wetturnen mit Kürübungen an Reck, Pferd und Barren, Stein- und Kugelstoßen, Keulen- und Ballweitwurf, Kunstturnen, Dreier- und Viererwettkämpfe, Schleuderball und Diskuswerfen, Stabhochsprung, Speerwerfen usw. Wieder waren viele Nachbarvereine zu Gast und es wurden insgesamt 15 Siegerkränze mit Urkunden und 23 Einzelurkunden ausgeteilt.

Mädchen waren übrigens jetzt überall dabei. 1934 trug man 18 weibliche Mitglieder in die Stammliste ein. Fünfzehn Jahre waren seit der ersten Eintragung der beiden Haustöchter vergangen! Gretel Steinhilber wurde Jugendturnwartin. Als Jugendwart hatte man Josef Ruf gewählt. Wie er von sich selber aussagte, war es ihm ein besonderes Anliegen, die Jugend zu fördern. Er ist eines der treuesten Mitglieder und bis auf den heutigen Tag im Alter von 73 Jahren noch unermüdlich im Verein tätig.

Vereinslokal war damals der «Frieden» unter Otto Steinhilber. An einem Samstag saß man nach der Turnstunde noch gemütlich beisammen. Lieder wurden gesunden und Schinken geklopft, dass es Tränen gab. War es nun die urige Freude über die stählernen Muskeln, die man sich beim Training erworben hatte, oder war es ein Viertele zuviel? Leopold Hangarter schlug fröhlich mit der Faust auf den Tisch, dass es nur so krachte, wobei ein ansehnliches Stück Stammtischplatte zu Boden splitterte. Trotz dieses Vorfalles war «Mutti», wie man die Wirtin, Frau Steinhilber herzlich nannte, manches Mal bereit, den müden und hungrigen Turnern noch etwas Leckeres anzubieten.

Weihnachtsfeiern hatten reichhaltige Programme mit Turnerischen Darbietungen und Theaterstücken. Letztere wurden von dem in Wangen ansässigen Schauspieler Hans Godek mit künstlerischem Einfühlungsvermögen und viel Geduld inszeniert. Manch Wangener wird sich noch daran erinnern. Es kamen zur Aufführung: «Die Flohjagd», «Die faule Humme1» und «Der Prestlingsgockel» um nur einige zu nennen.

Am 8. Mai 1935 wurde der Verein als Turnverein «Jahn» in das Vereinsregister, Band I Nr. 76, eingetragen.
In den letzten Jahren vor dem 2. Weltkrieg, legte man besonderes Gewicht auf den Wehrsport. Einem Wangener Soldaten hat tatsächlich das fleißige Robbenüben in den Turnstunden, später das Leben gerettet. Stundenlang auf dem Bauche robbend entkam er ungesehen der feindlichen Schusslinie.

1939 war es dann soweit, ein neuer Weltkrieg war ausgebrochen und der Verein musste abermals pausieren.
Fast sechs Jahre lang wütete ein unsinniger Krieg und legte einen Teil Deutschlands in Schutt und Asche. Die schöne Höri am Untersee mit dem lieblichen Dörfchen Wangen blieb äußerlich verschont, jedoch kehrten viele Brüder aus dem Felde nicht mehr zurück. In Wangen waren 35 Gefallene, darunter auch viele Mitglieder des Turnvereins zu beklagen.

So schnell, wie sich nach dem 1. Weltkrieg die alten Turnkameraden wieder zusammengefunden hatten, ging es diesmal nicht. Die Französische Besatzung verbot das Turnen und jede sportliche Betätigung, da dies militärischen Charakter habe. Zunächst wurde das Fußballspielen wieder gestattet, da die Soldaten selbst gerne spielen wollten.